Predigt zum Semesterabschluss SoSe 2026

Vera von der Osten Sacken, ESG Duisburg-Essen

 

Weil Katja heute verabschiedet wird, durfte sie sich das Thema der Predigt wünschen. „Naturwissenschaft und Religion: Wie passt das zusammen?“ lautet ihr Auftrag. Abgesehen von meiner spontanen Antwort, nämlich „Ganz hervorragend passt das zusammen!“, sieht die Theologin in mir zuerst die Anfragen an das Thema, also die Topoi, wo Religion und Naturwissenschaften scheinbar nicht zusammenpassen.  Immer wieder gelten sie z.B. als Konkurrenten um die Wahrheit.

Und da kommt auch gleich der erste Einspruch: Religion ist ein Gefühl, ein Empfinden. Wenn überhaupt jemand in Frage kommt, den Naturwissenschaften Konkurrenz zu bieten – und historisch betrachtet waren es wohl eher die Naturwissenschaften, von denen die Konkurrenz ausgegangen ist, weil sie schlicht jünger sind – dann ist das doch eher die wissenschaftliche Partnerin der Religion, die Theologie. Aber mal ehrlich: Von inquisitorischen und neukreuzzüglerischen Bestrebungen eher wenig wissenschaftlich interessierter Leute einmal abgesehen, gibt es da wenig zum Konkurrieren und dafür jede Menge Kooperation, ganz besonders, wenn wir an dem eher unwissenschaftlichen Begriff der „Wahrheit“ ausnahmsweise festhalten wollen, obwohl uns allen bewusst sein dürfte, dass wir bestenfalls von Befunden und Erkenntnisständen reden können.

Und dann ist da noch die Sache mit den Methoden. Auf den ersten Blick scheinen naturwissenschaftliche Methoden herrlich klar definiert zu sein; theologische auch, aber wir sind Räuber. Theolog:innen klauen sich einmal durch das gesamte methodische Inventar aller Geistes- und Naturwissenschaften, die nicht bei drei auf den Bäumen sind. Positiv gewendet: Wir sind bekennend methoden-offen. Neben den Klassikern wie Archäologie, Geschichtswissenschaften, Literarturwissenschaften, Philosophie, Psychologie, Pädagogik und Musik, gibt es erstaunlich viel Mathe und Soziologie in unserem Portfolio und in Kooperationen auch gern mal Agrarwissenschaften, Zukunftsforschung und gelegentlich sogar Zytologie, besonders, wenn es um trauma-sensible Seelsorge und das Zellgedächtnis geht. Wir machen’s quantitativ oder qualitativ, oft genug hermeneutisch, fast immer textanalytisch und sehr gern auch mal als Survey. Notfalls rechnen, zählen und wiegen wir und es hält uns nicht im Geringsten ab, wenn unsere Ergebnisse für ganze Generationen nicht direkt verwertbar sind.

Besonderes letzteres hat den Naturwissenschaften erheblich genützt und zwar seit Jahrhunderten. Albertus Magnus (ein Mönch und Theologe, wie er im Buche steht) gilt mit seinen Studien zum Verständnis der geordneten Schöpfung als Gründervater der westeuropäischen Naturwissenschaften. Roger Bacon, dem wir wichtige Grundlagen der Optik verdanken, war bei der franziskanischen Konkurrenz. Mendel war Augustinerpater (wie Luther…), und auch, wenn er geschummelt hat, hat er es mit dem Sprichwort „sich aus der Erblinie mendeln“ sogar bis in ein volkstümliches Verständnis der Naturwissenschaften gebracht und damit Erhebliches zum Wissenschaftstransfer beigetragen. Der Jesuit Pierre Teilhard de Chardin hat die Evolutionstheorie vorangebracht – von ultrakonservativen Biblizist:innen (und ja, die gendere ich besonders gern) wird das oft als Eigentor gewertet und dezent unter den Teppich gekehrt.

Aber auch Naturwissenschaftler:innen (und die zu gendern, ist eine besondere Herausforderung, denn wir haben es mit bis zu 30 verschiedenen genetisch-phänotypischen Ausprägungen zu tun) – also auch Naturwissenschaftler:innen zeigten hin und wieder die Tendenz, der vermeintlichen theologischen Cloaca maxima stolz den Rücken zu kehren. Ihnen sei freundlich hinterhergerufen: Auf unserem Mist seid Ihr gewachsen, Ihr lieben Kinder Gottes, und nehmen uns die Frechheit heraus, Euch trotzdem lieb zu haben, denn unsere Leute haben das Fundament gelegt, das eure Erkenntnisse trägt. Gelegentlich tun sie das noch heute, denn wir sind immer noch und mehr denn je bestrebt, die göttliche Ordnung in der Schöpfung zu verstehen und ihr – wenn´s richtig gut läuft – auch einen Sinn zu verleihen, denn die klügsten Ideen entstehen, wenn wir zusammenarbeiten und voneinander lernen.

Konkurrenten war wir nie. Wir wurden oder werden dazu gemacht, und solche Bestrebungen gibt es leider wieder verstärkt auf beiden Seiten. Wissenschaftsfeindliche angeblich christlich interessierte Machtmenschen kramen den längst überwundenen Biblizismus wieder heraus und bestehen auf einer Wortwörtlichkeit der Schriftauslegung, bei der sich selbst Luther die Fußnägel kräuseln würden. Umgekehrt rümpfen vermeintlich exakt arbeitende Vertreter:innen der Sciences über alles Geisteswissenschaftliche – und am meisten über uns – die vermeintlich reproduzierbaren Nasen. Auch das ist Hochmut, wenn man bedenkt, wie willkürlich die Setzung von Individuenbereichen und Bemessungskriterien oder die Orientierung an direkter Verwertbarkeit ist – von der Relativität der Methoden und aller Erkenntnisse mal ganz zu schweigen. Es grüßen Werner Heisenberg[1], Kurt Gödel[2] und Albert Einstein[3], während Schrödingers berühmte Katze ausnahmsweise einmal hinter dem Ofen bleiben darf.

Der vermeintliche Konflikt zwischen Theologie und Sciences ist nicht wissenschaftlich, sondern ein von bestimmten Personen angestrebtes politisches Konstrukt. Diesen Personen nützt es, uns auseinander oder sogar gegeneinander zu treiben, und wir sollten im eigenen Denken methodenfest genug sein, um die positivistischen Absolut-Behauptungen, die sie zu diesem Zwecke aufstellen, nicht zu übernehmen.

Das war aber nicht Katjas Thema. Katja hat nach „Naturwissenschaft und Religion“ gefragt und wie das zusammenpasst. Ein erstes Survey führte zur Theologie und hat nicht mehr gebracht als den längst bestehenden Konsens, dass sie, wie alle Wissenschaften – nun ja – eine Wissenschaft ist und dass Wissenschaften am besten zusammen arbeiten. Aber wie sieht es denn nun aus mit der Religion?

Natürlich auch wieder wissenschaftlich, was bei Theolog:innen bedeutet, dass ich das Wort erst einmal übersetze:

Das lateinische „religio“ bedeutet Rückbindung, also die Gewissheit, mit etwas oder jemandem verbunden zu sein, das, der oder die weit größer ist als man selbst. Diese Rückbindung ist ein Gefühl oder ein Bewusstsein und öffnet uns den Blick für etwas, das wir noch gar nicht verstehen können, aber verstehen wollen, weil wir Teil davon sind und seine Auswirkungen spüren. Verletzliche Anteile in uns wollen es sich uns auch gewogen machen, sich darin geborgen fühlen und ihm nahe sein. Dieser Bereich ist Teil meiner anderen Predigten. Heute geht es um das Wissenwollen bzw. die Wissenschaft und die religio.

Wenn wir sie aufspüren wollen, müssen wir also nicht nur fragen wie sie mit Naturwissenschaften zusammenpasst, sondern vor allem wo, nämlich im Menschen, in dessen Bewusstsein Naturwissenschaft und religio stattfinden und dessen Seele von beidem profitiert und lebt. Wenn religio das ist, was wir christlich darunter verstehen, nämlich die Rückbindung an den allgütigen, allmächtigen, allwissenden und – für unsere Zwecke besonders wichtig – allgegewärtigen Gott, dann sollten wir sie – wie Gott selbst – überall finden. An jedem Ort, auch in der Wissenschaftsgeschichte. Und da finden wir sie auch, denn gerade in naturwissenschaftlichen Zusammenhängen können wir erst ein Bewusstsein dafür bekommen, was wir eigentlich erforschen, wenn wir uns klar machen, wie viel größer der Zusammenhang des Ganzen ist. Besonders dann, wenn wir erst einmal zufällig über Merkwürdigkeiten stolpern, wird doch erst Wissenschaft daraus, wenn wir das Merkwürdige systematisch rückbinden, also im größeren Zusammenhang verorten können. Prominente Beispiele dafür sind Lise Meitner[4], deren neugierigem Nachfragen und Rückbinden wir das zweifelhafte Vergnügen der Kernenergie verdanken, Alexander Fleming mit dem Penicillin[5] oder Marie Curie, die ich wohl kaum näher vorstellen muss[6]. Niemand von ihnen hätte etwas gefunden, wenn sie kein Gespür für das Ganze, das System, gehabt und nicht Anstoß an dem scheinbaren Fehler in der wohlgefügten Ordnung der Welt genommen und nachgefragt hätten.

Religio in Reinkultur ist der berühmte und durchaus ehrfürchtige Satz: „Wir stehen wie Zwerge auf den Schultern von Riesen, aber wir blicken weiter als sie“, den wir heute in jeder zweiten Promotionsfeier hören[7]. Weltbekannt wurde der Satz durch Isaac Newton, der im Jahre 1675 an Robert Hooke schrieb: „Wenn ich weiter gesehen habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.“ Auch Newton ist für uns schon sehr weit weg und lange her. Für uns ist er längst ein Teil des großen wissenschaftlichen Kosmos, in dem wir uns mit unseren kleinen Schritten fortbewegen, wissend, dass nicht nur vor uns, sondern auch um uns herum viel mehr existiert, als wir in einer Lebensspanne erforschen oder verstehen könnten. Für mich klingt das weit mehr nach Kirche als nach Labor oder Patent-Amt. Was Wissenschaft wirklich treibt – ganz gleich zu welcher Fakultät wir gehören – was uns dazu bringt, mühsame Studien durchzuführen, uns durch Präparate oder Quellen zu wühlen, zu zählen, zu messen, zu kategorisieren und immer wieder neu zu fragen und Lebenswerke zu erschaffen, die spätestens unsere Enkel wieder abräumen werden – das nenne ich Religion, Rückbindung an das große Ganze, von dem alles kommt und das alles umfasst, von dem wir kleine Teile erforschen und das wir nie ganz verstehen werden und das wir trotzdem mit einer Hingabe beackern, die unsere gesamte Lebenszeit verschlingt und am Ende vielleicht – ganz nebenbei – die Welt für alle Menschen besser macht. Die starke Kraft, die uns an dieses große Ganze bindet, nenne ich Liebe. Genau wie meinen Gott. Den nenne ich auch Liebe. Und das, was diese Liebe in uns auslöst, wenn wir immer weiter forschen, das nenne ich Gottes- und Nächstenliebe und oft genug auch selbstlosen Dienst an der Mitwelt. Getrieben von Begeisterung und Neugier, getragen von der Hoffnung, dass es auch etwas zu finden gibt, wo wir suchen, inspiriert von den Erkenntnissen und Irrtümern der Anderen, die mit uns forschen und durch die Weite der Schöpfung pilgern, versuchen wir gemeinsam – jede und jeder im eigenen Fach – die Geheimnisse Gottes zu lüften. Und ich bin ziemlich sicher, dass all diese Dinge zum Lüften gedacht und gemacht sind. Es steckt ein Sinn im Universum. Nur vielleicht nicht so, wie wir mit unserem heutigen Wissen und den aktuellen Methoden erkennen können. Dieses Vertrauen, dass der Sinn da und auch erforschbar ist, nenne ich Glaube. Er stützt sich auf Wissen, das wir durch Forschung bekommen. Und Forschung ist nur möglich, weil unser Kosmos erforschbar ist, weil er sich den Forschenden offenbart. Das haben alle Generationen von uns getan. Auch die Alten. Und einiges von dem, was sie gefunden haben, haben sie in der damals besten Form in ihren Heiligen Texten gesammelt – und ja, da gibt es auch viel anderes, das wahrscheinlich nicht aus wissenschaftlicher Neugier entstand. Das ist mit unseren heutigen Publikationen genauso. Wie heute auch, enthält die Sammlung aller Daten, die uns wichtig genug sind, dass wir sie kanonisieren, viel Trash und auch Liebeslieder, Lokalgeschichte, politische Manifeste und sogar Satiren – genau wie die Bibel – und auch Forschung auf dem damaligen Stand. Sogar ein Lob der Forschung findet sich bereits im Alten Testament. Und damit komme ich in den letzten Sätzen dieser Predigt zu dem Bibelwort, um das sie sich dreht: Es steht im Buch der Sprüche, einer altorientalischen Sammlung von Weisheitssätzen, Kapitel 25, Vers 2:

 

Es ist Gottes Ehre, eine Sache zu verbergen;

aber der Könige Ehre ist es, eine Sache zu erforschen.

 

Und der Sinn und Verstand Gottes, der weiter reicht als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen in Neugier und Liebe, das ist: In Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

 

 

Fußnoten der Predigt

[1] Werner Heisenberg prägte die nach ihm benannte Heisenbergsche Unschärferelation. Sie besagt, dass bestimmte Eigenschaften von Teilchen (wie Ort und Impuls) nicht gleichzeitig beliebig genau messbar sind. Dies ist keine Unzulänglichkeit der Technik, sondern eine fundamentale Grenze der Natur selbst. Er schrieb dazu u. a. in „Physik und Philosophie“.

[2] Kurt Gödel (Mathematiker & Logiker) bewies die sogenannten Gödelschen Unvollständigkeitssätze. Diese belegen, dass jedes widerspruchsfreie formale System Sätze enthält, die innerhalb des Systems nicht beweisbar sind. Damit stieß er an die logischen Grenzen rein formaler Systeme.

[3] Für Albert Einstein zeigten sich Grenzen der Naturwissenschaften darin, dass physikalische Theorien immer freie Schöpfungen des menschlichen Geistes sind. In seinen Schriften betonte er die Kluft zwischen der theoretischen Konstruktion des Menschen und der realen Außenwelt, die sich unserem direkten Zugriff entzieht.

[4] Als die Chemiker Otto Hahn und Fritz Straßmann im Jahre 1938 unerwartet Barium in uranbestrahlten Proben fanden, standen sie vor einem Rätsel. Die Physikerin Lise Meitner lieferte die erste theoretisch-physikalische Erklärung dafür, nämlich dass der Atomkern zerplatzt sei, und legte damit die Grundlage für die Nutzung der Kernenergie.

[5] Im Jahre 1928 bemerkte der Bakteriologe Alexander Fleming zufällig, dass eine seiner Staphylokokken-Kulturen durch Schimmelpilze verunreinigt worden war. Bei der Untersuchung dieser Kultur stellte er fest, dass die Pilze einen Stoff absonderten, der die Bakterien abtötete und fand so das erste Antibiotikum.

[6] Die Physikerin Marie Curie wunderte sich, dass bestimmte Uranerze (Pechblende) eine viel stärkere Strahlung aufwiesen, als es der reine Urananteil eigentlich zuließ. Sie ging diesem Phänomen systematisch nach und entdeckte bei dessen Erforschung die neuen Elemente Polonium und Radium. Sie prägte auch den Begriff der „Radioaktivität“ und formulierte die Theorie, dass die Strahlung aus dem Atom selbst stammen müsse.

[7] Dieses Sprachbild erscheint zuerst erscheint bei Bernhard von Chartres, einem Mönch aus dem 12. Jh. Brinker, Claudia; Schnyder, Mireille: „Zwerge auf den Schultern von Riesen. Ein Beispiel zum Selbstverständnis mittelalterlicher Dichter.“ In: unimagazin. Zeitschrift der Universität Zürich, Jg. 4, Heft 4 (1995), S. 19-20.