Pfarrerin gegen Antisemitismus

 

Hier kannst du den Inhalt des Beitrags von Vera hören:

 

Antisemitismus ist gefährlich, herzlos und dumm. Das ändert sich auch dann nicht, wenn Menschen mit Macht in Israel oder anderen Ländern kritikwürdige Entscheidungen treffen. Darüber können wir uns empören – manchmal müssen wir das sogar. Aber die vielen Jüdinnen und Juden, die einfach nur ihr Leben leben und ihre Religion ausüben, können rein gar nichts dafür. Nicht einmal diejenigen von ihnen, die solche kritikwürdigen Entscheidungen anders bewerten als wir. Tut mir leid, wenn ich all den Empörten – und auch meiner eigenen Empörung – hier einen Dämpfer verpassen muss, aber: Meinungsfreiheit gilt auch für Andersdenkende.

Reden wir uns also nicht heraus. Wenn wir miese oder sogar abgründige Vorurteile gegen das Judentum und seine Menschen haben, dann liegt das an uns, nicht an Mickey Mouse, Donald Duck oder Israel. Wer seine Vorurteile nicht hinterfragt, ist denkfaul.

Und sagt mir jetzt bitte nicht, Ihr wüsstet es nicht besser. Aufklärung über Antisemitismus gibt es an jeder Ecke. Wer sich nur ein kleines bisschen interessiert, findet gut recherchierte Berichte und Studien, Museen, Gedenkstätten und Interviews mit Zeitzeugen der NS-Zeit und Betroffenen aus unserer Gegenwart. Außerdem gibt es jede Menge Informationen darüber, wie unterschiedlich ganz verschiedene Menschen ihren jüdischen Glauben leben, und was alles dazugehören kann und was sicher nicht.

Und ja: Auch jüdische Menschen können unsympathisch oder sogar richtige Arschlöcher sein – genau wie bei uns Christ:innen. Und die netten jüdischen Leute schämen sich für die bescheuerten jüdischen Leute genauso, wie wir uns für fiese Christen oder Christinnen schämen – besonders, wenn sie auch noch behaupten, dass ihre widerlichen Taten im Namen des Christentums geschehen – oder des Sportvereins oder der Firma, der Familie, des Clubs oder der politischen Partei. Ich wette, das geht allen so; in allen Gruppen und überall.

Wenn Ihr also anti sein wollt, dann seid es bitte intelligent: Seid nicht anti Gruppe, sondern anti Arschloch. Nicht anti Religion, sondern anti Religionsmissbrauch. Ich denke, Ihr versteht das Konzept.

Noch besser als „anti“ finde ich aber „pro“. Pro gibt einfach mehr her und macht am Ende des Tages auch mehr Spaß. Ein Beispiel: Anti Judenhass zu sein, ist schon sehr gut. Wer das durchzieht, widerspricht Vorurteilen und Beleidigungen, repariert beschädigte Dinge, wehrt Angriffe ab und baut einen Schutzraum für Betroffene auf. Das ist wichtig, weil alle Menschen so sicher sein können, dass wir niemanden allein lassen werden, wenn andere Menschen ihn oder sie mies behandeln.

Wir wollen aber nicht nur beschützen oder beschützt werden. Wir wollen leben. Darum bin ich nicht nur anti Judenhass, sondern pro Gemeinschaft, pro Zusammenarbeit, pro gemeinsam feiern, leben, Projekte machen, reden, konstruktiv streiten, einander heiraten, adoptieren, pflegen, bei den Hausaufgaben helfen und vor allem pro einander verstehen und gelten lassen.

Klar, ich bin ein Gutmensch. Dafür stehe ich, und dabei hilft mir meine Religion. Aber ich bin nicht doof. Natürlich habe ich selbst auch etwas davon. Pro zu sein ist nicht nur korrekt, sondern bringt richtig etwas ein. Wenn Du Dich auf andere Leute einlässt, bekommst Du etwas von ihnen: Eine nette Reaktion oder neue Gedanken, Einladungen an Orte, die Du sonst nie sehen würdest, Speisen, die Deinen Gaumen auf ganz neue Weise kitzeln, Unterstützung bei Deinen eigenen Anliegen mit ganz frischen Argumenten oder, oder, oder. Sicher gibt es auch mal eine Abfuhr. Das ist normal. Zum Thema Arschlöcher: siehe oben. Wenn`s aber richtig gut läuft, bekommst Du eine ganze Welt geschenkt, nämlich die Welt des anderen. Und die ist viel bunter, tiefsinniger und faszinierender, als Du das in Büchern und Berichten finden kannst.

Probier`s mal aus: Wenn Du noch keine Jüdinnen oder Juden kennst, dann suche ihre Bekanntschaft und freunde Dich mit denen an, die Dir sympathisch sind. Lade sie ein, lass Dich einladen und lerne ihr Leben kennen. Ich bin mir (nicht zuletzt aus eigener Erfahrung) sehr sicher, dass das Dein Leben verändern und bereichern wird. Die jüdischen Menschen in meinem Leben sind einer meiner besten Gründe, warum ich persönlich glaube: Anti Hass zu sein ist schon mal gut, und pro Menschen zu sein, macht glücklich.

Und ja: Besonders für Christ:innen mit deutschen Wurzeln ist das Thema Antisemitismus bleischwer. Die Mahnung zur Verantwortung ist manchmal so gegenwärtig, dass wir sie kaum noch hören können. Ja, das ist anstrengend und nicht lustig. Aber mal ehrlich: Was glaubst Du, wie schwer das für Jüdinnen und Juden (egal mit welchen Wurzeln) ist? Wir durchleben vielleicht Schuldgefühle oder Betroffenheit und fühlen uns dabei schlecht. In jüdischen Familien gibt es die Erinnerungen an teils unvorstellbar grausame Demütigungen und multiple Traumata – nicht nur aus der Nazizeit, sondern seit vielen Jahrhunderten und Generationen und bis heute. Jede antisemitische Tat oder Äußerung kann diese Traumata wieder aufrühren und all den Schmerz wachrufen, der damit zusammenhängt. Jedes Wegschauen oder Schweigen erinnert an das Wegschauen und Schweigen in den finstersten Zeiten unserer Geschichte.

Wir wollen einfach nur leben und glücklich sein. Jüdische Leute etwa nicht? Wir wünschten uns, all das wäre nie geschehen und dass wir alle einfach entspannt miteinander chillen könnten. Um wie viel mehr muss das jüdischen Menschen so gehen! Wenn wir ein paar schlechte Gefühle aushalten müssen, ist das doch ein geringer Preis. Unser Anteil an dieser riesigen Aufklärungs-, Bewältigungs- und Nie-Wieder-Aufgabe ist so viel kleiner als das, was die (Lieben der) Opfer durchmachen. Niemand von uns sollte sich davor drücken. Und jeder und jedem von uns wünsche ich, dass er oder sie auch die schönen und bereichernden Dinge erlebt, die jüdische Nachbarn und Freunde in unser Leben bringen. Darum lasst uns bitte alle hinschauen, laut sein und pro sein, wo immer es geht!