Grundkurs im Wunder wirken

Predigt von Vera von der Osten Sacken (SoSe 2026)

 

Der Text

 

Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: „Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen.“

Seine Jünger antworteten ihm: „Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen?“

Und er fragte sie: „Wie viele Brote habt ihr?“

Sie sprachen: „Sieben.“

Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen. Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen.

Markus 8, 1-9

 

Wir brauchen Wunder

 

Ihr Lieben,

Das ist eine klassische Wundergeschichte. Damit tun wir uns heute oft schwer. Wundergeschichten klingen wie Märchen aus längst vergangener Zeit. Phantasiegeschichten über Zauberei, die spätestens durch die Aufklärung entzaubert wurden.  Wundern haftet etwas Unseriöses an.

Und trotzdem brauchen wir Wunder. Sogar Jesus brauchte sie, obwohl wir heute vor allem an seine Lehre und nicht so sehr an seine Wunder glauben. Diese Lehre, die wir heute so ernst nehmen, war damals aber neu. Und sie wurde von einem Laien vorgetragen, denn Jesus lehrte in Vollmacht, also direkt aus dem Geist Gottes, ohne Ausbildung, Amt oder Qualifikation. Das hätte auch damals niemand akzeptiert, wären da nicht die Wunder. Ein Wunder war damals – und ist vielleicht auch noch heute – fast so gut wie ein Gottesbeweis. Ein Wunder bestätigt, dass das, was Jesus predigt, von Gott bestätigt ist, weil nur Gottes Macht das Wunder wirken kann. Und das würde Gott ja nicht tun, wenn er mit der Predigt nicht einverstanden wäre.

Heute sehen wir das nicht mehr so, und trotzdem wollen wir überzeugt werden. Besonders wenn jemand predigt. Die allermeisten von uns wollen sehen, dass den schönen Worten auch Taten folgen, und dass die Person, die uns mit Worten Hoffnung macht, auch dazu beiträgt, dass diese Hoffnung Wirklichkeit wird. Dabei hilft es ganz sicher, wenn wir staunen, z.B. weil der Hoffnungsprediger etwas Großes und Beeindruckendes in Gang setzt, ein Leben rettet, einen Verein gründet oder einen Musterprozess gewinnt. Aber das ist bestenfalls die halbe Miete.

 

 

Zutaten für ein Wunder

 

In unserer Geschichte macht Jesus weit mehr, als nur die Leute zu ernähren. Wenn Ihr so wollt, ist die Geschichte vom Brot und den Fischen ein kleiner Grundkurs im Wunderwirken. Schauen wir uns das mal an:

 

Die Menschen

Die Leute kamen in Scharen und hörten Jesus zu. Das hatte er schon erreicht, zumindest in Galiläa. Zuhause aber nicht. In Nazareth ist Jesus gefloppt (Mk 6, 1-6). Da brachte ihm all sein Charisma nichts, denn er kam nicht von außen. Hier kannte man ihn als den ehemaligen Nachbarn, der schon als kleiner Junge hier gewesen war. Wenn Ihr also ein Wunder wirken wollt, dann versucht das niemals vor Freunden oder Nachbarn. Alte Bekannte sind Wundertöter. Die kennen Euch viel zu gut. Sie haben Euch lachen und weinen gesehen. Sie wissen, wie Ihr ausseht, wenn Ihr Stress habt, und was Ihr am liebsten zu Abend esst. Vor so einem Publikum kam selbst Jesus in Schwimmen. Wunderanfänger wie wir sollten erst einmal bei neuen Leuten anfangen. Die sehen nicht sofort, dass wir ganz normale Menschen sind. Und sie sahen das auch nicht, als Gott ein ganz normaler Mensch geworden war, um bei uns zu sein. Also zog der ganz normale Gott-Mensch Jesus in die Welt hinaus, lehrte die Menschen, liebevoll miteinander zu sein, und überzeugte sie mit Wundern. In unserem Text kann man ganz gut sehen, wie er das gemacht hat.

 

Die Not bemerken

Es fängt damit an, dass es Not gibt. Sonst brauchen wir kein Wunder. Satte zufriedene Leute werden selten so sehr überrascht, dass sie von einem Wunder reden. Um Wunder zu erleben, brauchen wir eine Not. Das klingt paradox, denn niemand möchte gern in Not geraten und trotzdem wollen wir alle gern Wunder erleben. In unserer Geschichte ist diese Not der Hunger der Leute. Sie waren in eine einsame Gegend gegangen, um Jesus zu hören, und hatten nicht genug Proviant dabei. Und nun knurrte ihnen der Magen.

Not allein reicht aber nicht. Es muss auch jemand die Not bemerken. Wenn ein Wunder geschehen soll, müssen wir also aufmerksam darauf achten, wo es Not gibt und wer Hilfe braucht. Das tut Jesus. Er sieht den Hunger der 4.000 Leute. Das ist eine echte Kunst: Stellt Euch mal 4.000 Menschen auf einem Haufen vor. Und alle wollen etwas von Jesus. Einige wollen ihn sehen, andere ihm zuhören oder ihm die Hand schütteln. Manche soll er heilen, andere beraten oder trösten, weil sie besorgt, einsam oder traurig sind. Bestimmt waren auch welche dabei, die einfach sehen wollten, wer dieser Prediger war, den viele für den neuen Elia hielten. Tag und Nacht wurde er gefragt, gebeten, gerufen und gebraucht. Für Jesus muss das sehr anstrengend gewesen sein.

Und trotzdem bemerkt er die Not der Leute und macht sich Sorgen – und das nicht nur für die Zeit, als sie da waren, sondern er denkt auch an ihren langen Weg bis nach Hause. „Wenn sie jetzt schon hungern, wie sollen sie dann noch drei Tage Rückweg schaffen?“ Zum Wunderwirken gehört also auch, dass wir fürsorglich sind und auch daran denken, wie es dem anderen geht, wenn er nicht mehr von uns steht.

 

Widerspruch aushalten

„Aber das geht doch gar nicht! Wie sollen wir das denn schaffen?“ fragen die Jünger. „Woher sollen wir das ganze Brot bekommen?“ Sie hätten auch fragen können: „Wer soll das bezahlen?“ oder: „Wo bekommen wir all die Leute her, die wir dafür brauchen?“ Und mit jedem Einwand hätten sie Recht. Ihr Widerspruch ist vollkommen berechtigt. Das sind Ängste und Bedenken oft: berechtigt. Und trotzdem müssen sie nicht Recht behalten. Es ist richtig, diese Fragen zu stellen, aber es ist nicht richtig, an ihnen zu verzweifeln. Nicht alle Antworten stehen fest, bevor etwas Gutes beginnt. Manches ergibt es sich unterwegs oder, wie Heinz Rudolf Kunze gesagt hat: „Neue Wege sind schwer zu beschreiben, sie entstehen ja erst beim Geh‘n.“

 

Wertschätzen, was da ist

Jesus hält diese Unklarheit und die Bedenken der Jünger aus. Er antwortet ihnen nicht, sondern stellt eine Gegenfrage: „Wie viel habt ihr?“ Sie haben etwas. Und das ist ihm genug. Er nimmt es dankbar an und gibt es weiter. Auch das gehört also zum Wundertun: Wertschätzen, was da ist, es aufnehmen und weitergeben.

 

Vertrauen und teilen

Und dann kommt das, was wir meist als das eigentliche Wunder ansehen – obwohl es da nichts zu sehen gibt, denn er Text verrät nicht viel. Jesus oder die Jünger teilen aus. Mehr erfahren wir nicht. Sie teilen. Immer mehr. Es hört nicht mehr auf. Von dem wenigen Brot ist immer noch genug da, um dem Nächsten auch noch etwas zu geben. So, wie mit dem Koffer und den Taschentüchern – nur umgekehrt: Es geht nicht immer noch eins rein, sondern es kommt immer noch eins raus – oder mit dem vermeintlich leeren Kühlschrank, aus dessen Inhalt dann irgendwie doch noch ein Abendessen wird.

Das finde ich besonders wichtig beim Wunderwirken: Teilen und mutig auf Gott vertrauen – bereit sein, ins Blaue hineinzuspringen und nicht zuwissen, ob ich ins Meer oder in den Himmel falle. Sieben Brote und etwas Fisch für 4.000 Menschen. Das konnte nicht gehen. Es ging aber doch. Wie Gott das gemacht hat, wissen wir nicht. Vielleicht hatte jeder noch eine Kleinigkeit, die er nicht herausrücken wollte, weil sie für den Weg gedacht war. Vielleicht trieb eine andere, an die wir alle nicht gedacht haben, von irgendwo, wo wir nicht hingeschaut haben, jede Menge Essen auf. Wir werden es nie erfahren. Dafür ist es ein Wunder.

 

Dankbar sein und einfach machen

Aber wir wissen, was Jesus tat: Er dankte für das Brot, segnete die Fische und ließ beides austeilen. Den Rest macht Gott. So wie bei uns: Wir bevorraten, kochen, backen, lernen, bauen, planen, verarbeiten, aber keiner von uns lässt etwas wachsen oder erdenkt die Naturgesetze und niemand kann einen anderen dazu bringen, ihn zu lieben, oder hat sich ausgedacht, dass Kühe, Schafe, Ziegen und in argen Notfällen sogar Mäuse Milch geben können. Kein noch so kleines oder großes Teilchen können wir der Masse des Universums hinzufügen. Was immer wir tun: Wir nehmen etwas, das es schon gibt, aus Gottes Hand und arbeiten damit. Gott gibt das Material, wir geben uns Mühe, und Gott gibt das Gelingen. Mehr, als uns Mühe zu geben, können wir nicht. Mehr hat selbst Jesus nicht getan.

 

Berichten

Eine wichtige Zutat fehlt noch, damit das Ganze ein Wunder wird: Wir brauchen Menschen, die es sehen, staunen und darüber berichten. Sonst wüsste ja niemand davon. Jemand muss dankbar sein, jemand muss nicht nur die Not, sondern auch die Rettung bemerken und davon erzählen. In unserem Fall hat der Evangelist das getan bzw. die vielen, die die Geschichte weitererzählt und schließlich aufgeschrieben haben. Ohne diese Geschichte, wären die sieben Brote und die paar Fische doch längst vergessen.

Das können wir nicht selbst tun, zumindest nicht so, dass ein Wunderbericht daraus wird. Auch wenn Klappern zum Handwerk gehört – dass unser Klappern viral geht, machen andere. Jesus hat sich nicht darum gekümmert. Soweit wir wissen, hat keiner der Evangelisten einen Auftrag von Jesus, dessen Biographie niederzuschreiben – und das hätten sie sicher nicht verschwiegen!

Worum Jesus sich aber gekümmert hat, das waren die Menschen. Ihnen kam er nahe genug, dass sie seine Taten und Worte nicht vergessen wollten. Sie hat er angerührt, begeistert und inspiriert.

 

Dranbleiben

Und trotzdem hat selbst Jesus nicht alle erreicht. Seine Nachbarn in Nazareth konnte er nicht überzeugen und auch nicht die Schriftgelehrten und den Hohen Rat in Jerusalem. Aber das hat ihn nicht gebremst. Er hat es immer wieder versucht, an verschiedenen Orten und bei verschiedenen Leuten. Jesus ist drangeblieben. Er hat nicht nur ein Wunder gewirkt, sondern viele, und er hat endlos gepredigt, diskutiert, ermahnt und ermuntert. Er hat Niederlagen hingenommen und weiter für die gepredigt, die ihm zuhören wollten, und die ernst genommen, denen es auch ernst war. Und die haben über ihn berichtet. Wunder zu wirken, ist keine singuläre Heldentat, kein Sprint, sondern ein Marathon.

Auch das gehört zum Grundkurs im Wunderwirken: Selbst die besten Wunder überzeugen nicht alle. So sehr einen das frustrieren kann: Die Kunst besteht darin, auf die anderen zu schauen, auf die, die zuhören, und auf die, die mitmachen. Der Rest ist Vertrauen. Den Rest gibt Gott.

 

Not bemerken, fürsorglich sein, Widerspruch aushalten, wertschätzen, was da ist, teilen, Gott vertrauen, sich Mühe geben und dranbleiben, und am besten noch jemanden finden, der am Ende alles erzählt.

Wunder zu wirken, ist ganz sicher eine Kunst, aber jeder einzelne Schritt davon ist menschenmöglich. Alles, was dazu gehört, können wir lernen und üben. So betrachtet, ist es gar nicht so schwer. Versuchen wir’s einfach und fangen wir an. Amen.