Was bedeutet der rote Hahn bei der ESG Uni-DuE?

Was bedeutet der rote Hahn?

 

Der rote Hahn ist ein ziemlich drastisches Symbol. Das sieht man ihm gar nicht an, wenn er so hübsch und künstlerisch durchdacht auf unserem Logo prangt. Aber seine Geschichte ist gar nicht niedlich, und die Vorgeschichte des roten Hahnes im Allgemeinen erst recht nicht. Wahrscheinlich schon im Mittelalter, ganz sicher aber in der Reformationszeit, stand der rote Hahn für Feuer, und zwar für gefährliches Feuer, das Häuser und Städte bedrohte. Jemanden den roten Hahn aufs Dach zu setzen bedeutete – und bedeutet heute noch: Brandstiftung. Wenn jemand dabei zu Tode kommt, ist das ein Kapitalverbrechen.

Sind die ESGen also Brandstifter:innen? Freundlicherweise nicht, denn der Originalhahn war blau. Das hatte nichts mit Wein oder Bier zu tun, sondern stand wahrscheinlich für Hoffnung.

 

Erfunden wurde dieser (zunächst blaue) Hahn lange nach Gründung der ersten ESGen. Evangelische Gemeinden für Studierende gab es schon Ende des 19. Jahrhunderts, unter dem Namen ESG dann seit den 1950er Jahren. Der Hahn kam erst Anfang der 1970er dazu, als es politisch hoch herging an den Universitäten – nicht nur in Deutschland. Der Legende nach wurde unser Hahn irgendwo zwischen Kneipe und Privatwohnzimmer von einem ESG-Team in Osnabrück erdacht. Aus Sympathie mit den politisch linken Studierendenbewegungen färbte er sich rot und wurde nun zum lauten Kräher für die gesellschaftlichen Anliegen der Studierenden.

 

 

Spätestens seitdem gehört es mehr oder minder intensiv zur DNA der ESGen, aufmerksam auf die Politik zu schauen und an Debatten in Kirche und Gesellschaft aktiv teilzunehmen. Wie sehr der rote Hahn zum Symbol dafür wurde, sieht man z.B. in dem Florian-Geyer-Lied über den Baueraufstand zur Zeit der Reformation. Schaut Euch das mal an. In den Gesangbüchern, die die meisten ESGen in Deutschland verwenden, hat es die Nummer 438.

 

Aus: Durch Hohes und Tiefes, Gesangbuch der Evangelischen Studierendengemeinden in Deutschland, Hrsg. Eugen Eckert, Friedrich Kramer und Uwe-Karsten Plisch, München: Strube, 2008, Nr. 438.

 

Die ersten 8 Strophen stammen aus dem Jahr 1919. Das war kurz nach dem Ersten Weltkrieg, und „Im Westen nichts Neues“ war noch weit davon entfernt, gedruckt zu erscheinen. Diese ersten acht Strophen verherrlichen die aufständischen Bauern noch ohne jede Kritik und in martialischer Sprache. So würden wir heute sicher nicht mehr dichten. Trotzdem ist das Lied abgedruckt. Das dürfte nicht zuletzt an den neueren Strophen liegen. Sie stammen von Friedrich Kramer aus dem Jahre 2008: fast 90 Jahre nach den ersten 8 Strophen und knapp 40 Jahre nachdem der Hahn erfunden wurde und gerade einmal 14 Jahre vor uns jetzt und hier.

 

Nun sprechen die Enkel – und Enkelinnen – von denen es eine Strophe vorher heißt, dass sie es besser ausfechten sollen. Sie sind nicht mehr Florian Geyers, sondern des Hahnes Haufen, immer noch bereit mit den Mächtigen zu ringen, aber ohne Waffen für Frieden und Gerechtigkeit und gleichberechtigt als Frau und Mann. Auch der Refrain rüstet körperlich ab und theologisch auf: „Wort voran!“ heißt es da und „lasst ihn kräftig krähn, den roten Hahn.“

 

Soweit ich erkennen konnte, wurde dieses Lied als einziges mit einem erläuternden Kommentar versehen. Sehr klug wird der rote Hahn hier der Brandstifterei entwunden und zum Symbol der Wachsamkeit und der Hoffnung gemacht. Streitbar zu sein, ist fast immer auch umstritten.

 

ESG ist streitbar und nichts für denkfaule Weicheier. Auch wenn wir gerne feiern, sind wir kein harmloser Unterhaltungsladen, sondern ein Ort, wo man kritisch nachfragt und Kirche und Gesellschaft auf den Zahn fühlen – nicht nur kann – sondern soll.

 

Das tun wir mit Worten und Taten. Der Hahn steht nicht umsonst so gerne ganz oben auf dem Mist. Nicht weil Mist so großartig wäre, sondern weil man dort mehr Übersicht bekommt. Das gilt für uns auch, besonders wenn wir dabei üben können, Vorurteile abzulegen – auch und gerade über Dinge und vielleicht sogar über Leute, die uns erst einmal stinken. Auch dafür steht ESG: Auf Dinge und Menschen zugehen, die außerhalb unserer Filterblase sind. Auch dort unsere Überzeugungen vertreten, wo wir nicht gleich auf Zustimmung rechnen können, und auch dort mitreden und mitgestalten.

Und natürlich in unserer Kirche, mit der wir – Mitglieder oder nicht – verbunden sind. Das tun wir als Bewohner:innen eines der ganz großen Lernorte und Thinktanks der Region, der Universität Duisburg-Essen und auch der Folkwang-Universität. Unser geistiges Zuhause ist eine Ideenschmiede. Hier wollen wir Kirche sein und von hier aus mit unseren Ideen auf alle zugehen, die uns willkommen heißen.

 

Lasst uns aber nicht nur wachsam, sondern lasst uns auch aufmerksam sein. Das ist mehr, weil es bedeutet, nicht nur auf die großen Zusammenhänge, sondern auch auf die Menschen, jeden und jede Einzelne zu achten und uns auf das einzulassen, was andere bewegt. Auf die vielen, die zweifeln und Fragen haben. Und auf die, die hadern und sich trotzdem nicht schweigend abwenden, sondern oft nur darauf warten, dass mal jemand zuhört und ernst nimmt, was sie sagen. Und auf die, die Angst oder Sorgen haben, und sich nach Zuspruch und Stärkung sehnen. Lasst uns aufeinander achten und gemeinsam auch unsere persönlichen Misthaufen erklimmen. Dieses Mal nicht um zu laut krähen, sondern um einander beizustehen.

 

Und warum sage ich das in einer Predigt – mal abgesehen davon, dass diese Predigt meine Antrittsrede ist? Ich sage es deshalb hier, weil das ein gewaltiger Anspruch ist und ich jetzt schon weiß, dass niemand dem wirklich gerecht werden kann. Daran erinnert ein anderer Hahn, einer aus der Bibel, der mit seinem Krähen beweist, dass selbst die Größten immer wieder versagen. Dieses Mal ist es Petrus, der Jesus vollmundig versichert, ihm in allen Gefahren treu zu bleiben [Mk 14, 27–32 par, Joh 13, 36–38]. Noch in derselben Nacht, bevor der Tag anbrach und der Hahn krähte, hatte Petrus seinen Herrn bereits dreimal verleugnet.

 

Wir können uns Mühe geben und das wollen wir, aber der ganze hohe Anspruch, der hinter diesem einen roten Hahn steckt, ist nahezu unerfüllbar. Trotzdem will ich nicht davon lassen. Aufmerksamkeit, kritisches Denken, sich selbst und andere aufwecken, sich ausprobieren, sogar der waghalsige Versuch, noch besser sein zu wollen als Petrus – all das ist ESG und soll ESG sein. Mit weniger möchte ich mich nicht zufriedengeben. Und deshalb werde ich wohl – besonders mit mir selbst – ziemlich oft unzufrieden sein. Das finde ich in Ordnung. Denn, wer unzufrieden ist, sucht nach Wegen, wie Dinge besser werden. Auch dafür sind wir ESG: Dass wir uns immer wieder selbst hinterfragen, immer wieder neu anfangen und uns nicht auf dem ausruhen, was wir schon geschafft haben oder was im letzten Jahr noch gut war.

 

Und hier kommt die zweite wichtige Sache ins Spiel, der Grund, warum ich all das in einer Predigt sage, nämlich Gnade. Wir können und wir sollen bei allem Anspruch auch gnädig sein: Mit allen anderen und auch mit uns selbst. Nicht nur jetzt, wo wir so viele Krisen aushalten müssen, sondern immer und jederzeit. Ohne Gnade kommen wir nicht aus. Gnade ist die andere Perspektive auf uns und auf die Welt. Gnade ist nicht gerecht, sondern geschenkt. Sie fragt nicht danach, was wir können oder wissen, sondern gibt uns unseren unschätzbaren Wert, einfach weil wir sind. Und schon das, dass wir sind, ist Gnade, denn keine und keiner von uns hat sich selbst ins Leben gerufen. Gnade ist die Luft, die wir atmen, die wir nicht geschaffen haben und trotzdem ständig verpesten. Und das Wasser, das wir trinken und vergiften und klären und zumüllen und reinigen und dessen Wert uns langsam ein wenig bewusster wird. Gnade ist auch der Kuss des oder der Liebsten, den wir uns genauso wenig verdienen können, wie jede andere Liebe, denn Liebe ist immer geschenkt.

Christlich gesprochen: Gnade war schon vor aller Ewigkeit da. Sie kommt direkt von Gott und ist der einzige Weg zur Erlösung. Nicht irgendwann in einem fernen entrückten Leben, sondern jetzt und hier, ohne dass wir auf irgendeine Weise herausragend sein müssten.

Und trotzdem sind wir es – herausragend – jede und jeder Einzelne von uns, einfach deshalb, weil wir geliebt und mit Gnade angesehen werden.

Dieser Gnade, die für mich der höchste Ausdruck der Liebe meines Gottes ist, möchte ich alles anvertrauen. Auch die ESG, die gerade wieder anfängt und beginnt zu wachsen. Mit Euch und Ihnen, mit all unseren hohen Ansprüchen und mit der Zuversicht, dass wir nicht scheitern können, zumindest niemals endgültig, denn der Gott, dessen Gemeinde wir hier bauen, hat uns schon vor Jahrhunderten wissen lassen, dass wir seine geliebten Kinder sind.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre uns Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

 

Vera von der Osten Sacken