
Ich bin Gregor, FSJler bei der ESG-DuE, und begebe mich heute für euch auf Spurensuche zum Stauffenberg-Attentat.
Claus-Schenk Graf von Stauffenberg
Wolfsschanze, Führerhauptquartier, ca. 12.35 Uhr Ortszeit: Claus-Schenk Graf von Stauffenberg, Oberst und inzwischen auch Stabschef des Ersatzheeres betritt den Besprechungsraum. Im Raum, von seinen Offizieren umkreist, befindet sich Hitler. Was jedoch keiner der Anwesenden mit Ausnahme von Stauffenberg und seinem Adjutanten Werner von Haeften weiß, ist dass sich in Stauffenbergs mitgeführter Aktentasche ein tödlicher Sprengsatz befindet. Das Ziel ist klar: Hitler soll sterben. Dieses Ziel verfolgten schon circa 39 vorausgegangene Attentate seit 1933, die entweder vereitelt wurden oder aus verschiedenen Gründen fehlschlugen. Mal hatte Hitler unverschämt viel Glück, mal waren es purer Zufall und erfolgreiche Gegenmaßnahmen. Diesmal muss es klappen: Der Krieg und das Massensterben sollen schnellstmöglich beendet werden.
Gehen wir ein Stückchen zurück: Um ca. 12:15 Uhr gelangen Stauffenberg und von Haeften in einen separaten Raum und präparieren die beiden Sprengsätze. Aufgrund von Zeitdruck füllen sie die Aktentasche nur mit einem der beiden Sprengsätze. Scheinbar immer noch genug, um Hitler zu töten.
Stauffenberg deponiert die Tasche mit dem Sprengsatz neben Hitler unter dem schweren Eichenholztisch, auf dem die Karten zur Lagebesprechung liegen. Unter dem Vorwand, telefonieren zu müssen, verlassen Stauffenberg und von Haeften den Besprechungsraum. Kurz darauf detoniert der Sprengsatz, vier der 24 Anwesenden sterben. Hitler überlebt. Er ist nur leicht verletzt.
Stauffenberg und von Haeften befinden sich bereits auf der Flucht. Sie glauben, dass das Attentat geglückt sei. Heutzutage weiß man, dass der schwere Tisch die Druckwelle der Detonation abschwächte. Zudem wurde die Aktentasche aus unbekannten Gründen wenige Meter von Hitler weggeschoben. Außerdem schwächte das Fehlen des zweiten Sprengsatzes die Wucht der Detonation entscheidend ab. Und die Besprechung fand im Hochsommer in einer Baracke statt. Die Wucht der Druckwelle der Bombe konnte durch die dünnen Wände der Baracke entweichen. Der Plan schlug also fehl.
(1,3)
Operation Walküre
Das Hitler-Attentat vom 20. Juli war nur ein Teil eines geplanten Staatsstreiches mit dem Decknamen „Operation Walküre“. Ziel der Verschwörer war es, die politische und militärische Führung auszuschalten, wenn nötig auch mit Gewalt, und die Macht im Staat zu übernehmen. Danach wollten die Verschworenen schnellstmöglich Kontakt zu den Westalliierten aufnehmen, um aus einer möglichst guten Verhandlungsposition heraus einen Waffenstillstand auszuhandeln.
Die Verschwörer Rund um Stauffenberg hatten unterschiedliche Gründe für ihr Tun. Heutige Historiker und Historikerinnen sind sich uneinig, welche Beweggründe eine Rolle für Stauffenberg und die Anderen spielten. Der britische Historiker Ian Kershaw glaubt, dass Stauffenbergs Entscheidung, Hitler zu töten und die Macht im Staat zu übernehmen, vor allem damit zusammenhing, dass Stauffenberg als Oberst über die Vernichtung der Juden im Osten durch SS-Einsatzgruppen Bescheid wusste und deshalb handeln wollte. Der deutsche Autor Thomas Karlauf vertritt hingegen die Position, dass die Berichte über die Judenvernichtung keine entscheidende Rolle gespielt hätten. So auch Peter Steinbach, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. Er sieht im Antisemitismus des Hitler-Regimes überhaupt keine Beweggründe für das Handeln Stauffenbergs. Ziel des Attentats sei die Abwendung einer völligen Vernichtung Deutschlands und einer militärischen Katastrophe gewesen. Viele der Verschwörer, z.B. Generalmajor Henning von Tresckow oder Generaloberst Ludwig Beck, hatten den von Hitler geführten Krieg schon länger scharf kritisiert und waren mit vielen seiner Entscheidungen unzufrieden. In erster Linie habe man das Wohlergehen der eigenen Bevölkerung schützen wollen.
(2,3)
Niederschlagung des Staatsstreiches
Stauffenberg weiß auf seiner Flucht noch nicht, dass Hitler nicht getötet wurde. Wie geplant will er die „Operation Walküre“ fortführen. Die Verschworenen sollen das Berliner Regierungsviertel kontrollieren. Der Verschwörer kommt jedoch ins Stocken, als über das Radio das Überleben Hitlers verkündet wird und die in die Verschwörung eingeweihten Offiziere zögern. Hitler befiehlt daraufhin, den Militärputsch sofort niederzuschlagen. Stauffenberg und seine Mitverschwörer werden verhaftet und noch in derselben Nacht wegen Hoch- und Landesverrat erschossen.
Noch Wochen und Monate nach dem gescheiterten Staatstreich werden weitere vermeintliche Mittäter ausfindig gemacht und getötet.
(4,5)
Meine heutige Perspektive
Trotz der ambivalenten Meinungen der Historiker in Bezug auf die Gründe für das Attentat und den Staatstreich, möchte ich Stauffenbergs Mut und Entschlossenheit, sowie den Mut und die Entschlossenheit der anderen Verschwörer rund um Ludwig Beck, Henning von Tresckow und Helmuth James Graf von Moltke würdigen. Ob die Gründe für ihr Handeln nun Zivilcourage, Mitleid und Entsetzten waren oder der schlichte Versuch, die deutsche Bevölkerung vor einer militärischen Katastrophe zu bewahren, ist meiner Meinung nach nebensächlich. In erster Linie ging es meiner Meinung nach darum, ein bösartiges zerstörerisches Regime zu vernichten.
Was bei einem Gelingen des Attentats und der Operation Walküre passiert wäre, lässt sich heute nur mutmaßen. Sicher ist für mich jedoch, dass der geplante Tyrannenmord in diesem Fall vertretbar gewesen ist. Besonders wenn es darum ging, eine militärische Katastrophe zu verhindern, war er wahrscheinlich auch die einzige und die beste Möglichkeit. Viele der Wehrmachtsgenerale sahen die aussichtslose militärische Situation ebenfalls. Die rote Armee rückte im Osten immer weiter vor. Im Westen waren bereits am 6. Juni (D-Day) die Amerikaner und Briten in der Normandie gelandet und befreien Frankreich. Von Süden aus rücken sie über Italien vor. Hitler ließ sich jedoch nichts sagen. Wer ihn aufgrund seiner Kriegsführung kritisierte, wurde als Verräter gebrandmarkt und geächtet. Je schlechter die militärische Situation für das Deutsche Reich aussah, desto fanatischer und realitätsfremder wirkten seine Entscheidungen. Generalleutnant Friedrich Hoßbach vermerkte am Abend des 19. Juli 1944 über Hitler: „Er ist gebrochen und vorzeitig gealtert … unfähig, weitreichende strategische Ziele zu formulieren“. Generaloberst Heinz Guderian sagte: „Der Krieg kann nicht mehr gewonnen werden. Das einzige Problem ist jetzt, wie man am schnellsten das sinnlose Gemetzel und die Bombardierungen beendet.“ Die Aussagen der Generale unterstreichen die immer stärker werdende Uneinigkeit und Abwendung des Generalstabs gegenüber Hitler.
Abschließend denke ich, dass die fanatische und irrationale Kriegsführung Hitlers, die sowohl den deutschen Bürgerinnen und Bürgern als auch den eigenen und fremden Soldaten schadete, Grund genug war, um einen Tyrannenmord gegen Hitler zu planen. Ich glaube nicht, dass passiver oder nicht militärischer Widerstand noch viel hätte bewirken können. Das berühmteste Beispiel für solchen Widerstand sind die mutigen Aktionen der Gruppe „Weiße Rose“ (bes. um 1942). Die Gruppe wurde ab Februar 1943 gerichtlich verfolgt, ihre Mitglieder hingerichtet oder zu langen Haftstrafen verurteilt. Auch Versuche, mit rationalen Argumenten und der Darlegung von Fakten auf Hitler einzuwirken, hatten wenig Erfolg, wie z.B. die Aussagen von Friedrich Hoßbach und Heinz Guderian zeigen. In dieser Situation und im Hinblick darauf, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis die Alliierten Deutschland vernichtend schlagen würden, war der (versuchte) Tyrannenmord wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, die die beteiligten Offiziere noch sahen.
(6)
Quellen:
https://www.lpb-bw.de/stauffenberg-attentat (1)
https://resist-1933-1945.eu/biografien/claus-schenk-graf-von-stauffenberg (2)
https://www.dhm.de/lemo/biografie/claus-stauffenberg (3)
https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/stauffenberg-hitler-attentat-100.html (4)
https://www.deutschlandfunkkultur.de/operation-walkuere-100.html (5)
