Das Ende der Welt (Predigt)

 

 

Predigt von Vera von der Osten Sacken zum Abschluss des SoSe 2024

 

Hier als Audio:

 

 

Hier als Text:

 

Das ist das Ende, Leute. Keine Sorge, nicht vom Gottesdienst oder der Grillparty, die noch gar nicht angefangen hat, auch nicht vom Semester – das läuft noch bis September – oder von so wichtigen Dingen wie Peters Dienst bei uns: Er bleibt nämlich noch ein Weilchen und wird heute nicht verabschiedet. Nein, es ist viel harmloser. Es geht nur um das Ende der Welt.

Reden wir darüber – jetzt und hier, an diesem schönen lauschigen Sommerabend. Das wird eine Predigt über christliche Grundwerte. Also schnallt Euch an:

Wir christlichen Leute sind nämlich echte Weltuntergangs-Groupies. Wir wünschen uns das Ende herbei und beten laut und öffentlich darum, z.B. wenn wir im Vater Unser „Dein Reich komme“ sagen. Das Ende der Welt herbeizuwünschen, gehört zum Kernbestand des Christentums. Trotzdem lieben wir unsere Welt und leben gerne hier. Wie geht das zusammen?

Eigentlich ganz leicht. Ich glaube sogar, dass das nicht nur geht, sondern dass es uns am Leben hält und dass diese Welt schon x-mal geendet hat. Manchmal merkt man das richtig deutlich, so dass auch der letzte Einzeller den Schuss hören muss, aber meistens endet die Welt ganz leise und unauffällig. „Die Welt“ – im neueren Teil der Bibel heißt das „Kosmos“ – ist ja nicht unser Planet, sondern unsere Weltordnung, in der wir es ganz normal finden, dass irgendwo weit weg von uns Leute verhungern, umgebracht oder entrechtet werden, und dass die lautesten Schreier auch hier gewinnen, weil wir uns vor Angst dumm machen lassen, und dass immer einer verlieren muss, wenn ein anderer gewinnen soll. Wenn Ihr so wollt, ist die Welt „das System“ – also diese riesige komplexe Sache, in der wir alle eine Rolle spielen, die niemand wirklich durchschaut und die wir Geschichte nennen – zumindest den Teil davon, den wir schon hinter uns haben.

 

 

To Kosmos = „Das System“?

 

Diese Welt lebt von Regeln und Glaubenssätzen wie Hierarchie, Rentabilität, Survival of the Fittest oder Gleiches mit Gleichem, und sie endet jedes Mal, wenn jemand diese Regeln bricht. Wenn einer zu Gunsten der Schwachen schummelt, Verfolgte in Sicherheit bringt, Angefeindete verteidigt, Traurige tröstet, Tiere und Menschen respektlos liebt und verschenkt, was er teuer verkaufen soll. Bei jedem guten Wort, das wir sagen oder hören – endet diese Welt und fängt das Reich Gottes an.

Um dieses Ende und diesen Anfang bete ich mit jedem Vater Unser, weil ich nicht genug davon kriege, dass Leute die Logik der Macht aushebeln, dass wir Ängste abschütteln und fröhliche mutige bekennende Gutmenschen dumpfe Bosheit mit Vernunft besiegen.

„Träum weiter, Pfaffe“ – höre ich mich selber denken und sagen mir auch viele andere. „So funktioniert unser Leben nicht.“ Noch nicht. Oder besser: Noch nicht immer und noch nicht überall. Also mache ich das einzig Sinnvolle: Ich träume weiter.

Das Christentum und die ganze Hoffnung, die ich darauf setze, dient ja nicht dazu, alte Regeln durchzusetzen oder Traditionen zu wahren, auch wenn viele Menschen das so missverstehen. Christlich zu sein, ist revolutionär, und zwar im ganz wörtlichen Sinne: Christlich zu sein, bedeutet, einen radikalen Umsturz zu wollen.

  • Kein Stein soll auf dem anderen bleiben,
  • Keine Regel darf Menschen knechten,
  • unsere Freizeit und auch der Gottesdienst hat dem Wohl der Leute zu dienen,
  • und alle diese Leute sind gleich vor Gott.
  • Krieg ist Moppelkotze
  • Und Liebe darf genauso wenig wie Freundschaft beim Geld aufhören.
  • Im Gegenteil: Geld kann ernsthaft unglücklich machen.
  • Und Aggression führt nur zu noch mehr Verletzungen.
  • Also: Schmeißt die guten Sachen mit vollen Hängen unter die Leute
  • Und liebt die Rücksichtslosen an die Wand, auch wenn sie keine Anstalten machen, Euch dafür zurück zu lieben.
  • Seid laut und sichtbar,
  • denn auf Euch kommt es an,
  • und macht nur das im stillen Kämmerlein, was wirklich nur Euch und Gott angeht.

Das steht alles in der Bibel! Die Zitate zu meinen Thesen findet Ihr ganz unten nach der Predigt. Ich bin gespannt, wie Ihr sie versteht.

 

 

 

Christentum ist krass, grell und laut, genau wie der Christus, von dem wir es haben. Darum ist es unser Auftrag – der christlichen und aller anderen Menschen, die an etwas Gutes glauben: Für dieses Gute einzustehen, mit einander und füreinander zu leben und mit Worten und Taten der Anfang der Liebe und das Ende der Welt zu sein.

Das ist nicht einfach. Seit Jahrhunderten mühen wir uns damit ab, Christus und seine Botschaft zu verstehen, und werden uns doch nur bei einer Sache einig, nämlich: dass es um Liebe geht. Und auch Liebe ist nicht einfach. Sie ist hinreißend, gewaltig, sanft und subversiv wie das Wasser, wenn es in jede kleine Lücke dringt und unser Sein mit Leben flutet. Und gleichzeitig ist sie harte Arbeit, an der wir nur deshalb nicht verzweifeln, weil Liebe nun einmal toll ist.

 

 

Ja, ich hoffe auf das Ende der Welt – in diesem Sinne. Ich möchte immer wieder erleben, wie wir die Logik der Macht besiegen und das Reich Gottes mit unseren eigenen Händen bauen. Ich möchte Menschen sehen, die lieber schenken als einzufordern, die keine Angst haben, sich für einander zu blamieren und die hintereinanderstehen, damit niemand zurückweichen muss. Und ich möchte so gern – wenigstens hin und wieder – auch selbst ein solcher Mensch sein.

Das ist die mühsame Seite der Liebe. Das Durchhalten. Die Lutherübersetzung der Bibel nennt das „beharren, bis zum Schluss“. Das bedeutet standhalten, dabeibleiben, nicht aufgeben. Und das ist harte Arbeit am allerhärtesten Gegner, nämlich an uns selbst.

Das merke ich, wenn mein Mann und ich streiten – und wir lieben uns so sehr, dass wir ganz großartig streiten können. Wie schwer ist das, Gemeinheiten von jemandem anzuhören, auf dessen Liebe ich mein Leben setze? Er sollte mich doch in den Arm nehmen und trösten. Stattdessen steht dann da so ein Rechthaber vor mir und wir zanken um Argumente. Das halten wir ziemlich lange durch. Wir sind beide kreativ und ein sehr gutes Team, wenn es darum geht, aus einer Kränkung die nächste zu machen.

 

 

Wir haben beide viel Phantasie und können uns nur allzu gut vorstellen, das arme Opfer der Böswilligkeit des anderen zu sein und uns vor einem unsichtbaren Gericht gegenseitig zu verklagen. Jeder fordert, keiner gibt. Aus diesem Kreislauf, kommt man nicht so leicht heraus.

Gott sei Dank streiten auch andere Menschen, denn so können wir diese Falle von außen sehen. Als meine Freundin und ihre Liebste sich so festgefahren hatten, wollte sie darüber mit mir reden. Wie fast immer, ging es um eine Kleinigkeit. Und irgendwann in diesem Gespräch hörte ich mich sagen: „Wenn sie dir etwas schuldig ist, dann gehört der Streitwert doch Dir. Und du liebst sie und willst nicht streiten. Warum schenkst du ihr den Mist nicht einfach?“

Zwei Sekunden verblüffte Stille – dann haben wir beide laut gelacht. Und danach bin ich zu meinem Mann gegangen und wollte ihm unseren Mist auch einfach schenken. Leider kam ich zu spät. Der ganze Mist lag schon bei mir, zärtlich verpackt in einen Liebesbrief verteilt auf drei Post-it‘s, die auf meinem Schreibtisch klebten. Also habe ich den Mist behalten. Er soll mich daran erinnern, dass ich kein armes Opfer bin, sondern grell und laut, zur Freiheit befreit und mit Liebe beschenkt. Und als mein Mann wieder nachhause kam, haben wir uns endlich umarmt und den ganzen Abend lang das Ende der Welt gefeiert. Amen.

 

 

Die Bibelstellen aus der Predigt

 

 

„Kein Stein soll auf dem andern bleiben“:

Matthäus 24, 1-2: Und Jesus ging aus dem Tempel fort und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.

 

„Keine Regel darf Menschen knechten“:

Römerbrief 10, 4: Denn mit Christus hat der Weg des Gesetzes sein Ziel erreicht. Jetzt wird jeder, der glaubt, für gerecht erklärt.

Hosea 6, 6: Denn ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer.

Matthäus 5, 20: Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

 

„Unsere Freizeit und auch der Gottesdienst hat dem Wohl der Leute zu dienen“

Markus 2, 23-28: Und es geschah, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger anfingen, im Gehen Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sagten zu ihm: Sieh doch, warum tun sie Dinge, die am Sabbat nicht erlaubt sind! Und er sagte zu ihnen: Wisst ihr tatsächlich nicht, was David tat, als er Mangel hatte und hungerte, er selbst und die, die ihm waren – wie er in das Haus Gottes ging zur Zeit des Hohenpriesters Abjatár und wie er die Schaubrote aß, die niemand essen darf außer den Priestern, und wie er sie auch denen gab, die bei ihm waren?  Und er sagte ihnen: Der Sabbat ist für den Menschen gemacht und nicht der Mensch für den Sabbat. So ist der Menschensohn auch Herr über den Sabbat.

Jakobus 1, 27: Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater, ist der: die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und sich selbst von der Welt unbefleckt halten.

 

„Und alle diese Leute sind gleich vor Gott“

Galaterbrief 3, 28: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

 

„Krieg ist Moppelkotze“

Micha 4,3: Er wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Psalm 34,15: Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!

Sprüche 17,1: Besser ein trockner Bissen mit Frieden als ein Haus voll Geschlachtetem mit Streit.

Matthäus 5,6: Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

 

„Liebe darf genauso wenig wie Freundschaft beim Geld aufhören“

Apostelgeschichte 4,32: Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

 

„Im Gegenteil: Geld kann ernsthaft unglücklich machen“

Markus 10, 21-25: Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach! Er aber wurde betrübt über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter. Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist’s, ins Reich Gottes zu kommen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.

 

„und Aggression führt nur zu noch mehr Verletzungen“

Matthäus 26, 52-53: Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen. Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, und er würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken?

 

„Also: Schmeißt die guten Sachen mit vollen Hängen unter die Leute“

Lukas 16,9-11: Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten. Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und wer im Geringsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht. Wenn ihr nun mit dem ungerechten Mammon nicht treu seid, wer wird euch das wahre Gut anvertrauen?

 

„und liebt die Rücksichtslosen an die Wand, auch wenn sie keine Anstalten machen, Euch dafür zurück zu lieben“

Matthäus 5,44–48: Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

 

„Seid laut und sichtbar“

Matthäus 5,15-16: Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

 

„Denn auf Euch kommt es an“

Matthäus 5,13: Ihr seid das Salz der Erde.

Matthäus 5,14: Ihr seid das Licht der Welt.

 

„Und macht nur das im stillen Kämmerlein, was wirklich nur Euch und Gott angeht“

Matthäus 6,6: Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.