Predigt von Vera von der Osten Sacken zum Beginn des WiSe 2024/25
Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.
Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.
Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.
Die Worte stammen von Dietrich Bonhoeffer und sie entstanden in einer finsteren Zeit. Die ist lange her und viel davon ist längst vergangen. Manches nicht. Anderes kommt wieder. Nach wie vor ist die Versuchung groß, mit Fingern auf andere zu zeigen und die eigenen emotionalen Abgase ungefiltert in die Umwelt und die sozialen Medien zu blasen. Wenn ich die letzten Wahlergebnisse anschaue, fürchte ich sogar, dass sie immer größer wird.
Was soll daraus Gutes entstehen? Vielleicht mehr Klugheit bei den anderen? Oder mehr Mut, dieser schlimmen Tendenz entgegenzutreten und bessere Vorschläge zu machen? Das hoffe ich, aber ich weiß es nicht. Hoffentlich hat Gott eine Antwort. Oder Ihr oder die Frau im Forschungszentrum oder der Mann neben mir im Bus. Oder eins der Kinder. „Streiten ist gut, weil man sich dann hinterher vertragen kann“ hat mir mal jemand gesagt. Dieser Jemand war eine Sie und sie war damals 5 Jahre alt.
Dafür braucht er – Gott – Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen,
schreibt Bonhoeffer. Ich glaube, dass die kleine Sie, die inzwischen längst groß ist und vielleicht schon studiert, einer von diesen Menschen ist.
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.
Beneidenswert. Das möchte ich auch glauben, denn das bedeutet, dass Bonhoeffer selbst unter der Gewalt der Nazis nicht verzweifelte und auch ich niemals verzweifeln muss. Versteht das nicht falsch: Es geht um das Ver-zweifeln, nicht um Zweifel. Zu zweifeln ist etwas Gutes, weil wir dabei unseren Verstand gebrauchen. Selbst dann, – vielleicht sogar gerade dann, – wenn wir an Gott zweifeln. Zweifel hält uns wach und erinnert uns an die Gründe, warum wir etwas tun, und an das, woran wir glauben. Ich würde sogar behaupten, dass nicht mit ganzem Herzen glaubt, wer nie ernsthaft gezweifelt hat. Andererseits gibt es diese gesegneten Menschen, die einfach blind vertrauen und fröhlich durch alle Stürme des Lebens gehen. Diese Leute beneide ich, und mein Neid soll ihnen nicht die Sonne ihres Lebens überschatten. Für mich selbst will ich meine Zweifel aber nicht missen. In meinem Leben gehören sie zum Licht. Ich liebe meine Vernunft und nehme gern hin, dass diese gute Gabe Gottes auch anstrengend sein kann. Aber „ver-zweifeln“ bedeutet, dass dieser lustvolle und auch heilsame Stachel des Hinterfragens zum übermächtigen Gegner wird. Zweifel ist eine Tugend, aber Verzweiflung ist ein Gefühl, und zwar ein furchtbares, zermürbendes, zersetzendes. Gegen dieses schreckliche Gefühl wünsche ich allen Menschen auf der Welt, das Gott sie anrühren möge. Nur ganz kurz, damit wir wieder wissen, dass Gott da ist und dass wir trotz allem Recht damit haben, auf Gottes Hilfe zu vertrauen.

Aber er gibt sie – die Kraft – nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.
Wirklich? Tut Gott das? Bisher war das so ein wunderbarer Text und dann kommt dieser Oberlehrersatz. Als wenn Gott es nötig hätte, uns zu beschulmeistern oder auch nur sein – oder ihr – Verhalten zu erklären! Wir wissen nicht, warum Gott etwas tut oder nicht tut. Selbst ein kluger Mensch wie Bonhoeffer kann das nicht wissen. Und dieses Nicht-Wissen ist schwer zu ertragen. Darum suchen wir nach Begründungen und deuten sie in Gott hinein. Das ist gut, denn es bringt uns weiter. Das ist Theologie. Aber es ist niemals endgültig. Auch unsere Versuche werden spätestens von unseren Enkeln widerlegt und abgeräumt werden. Dann gibt es neue Theorien und auch die haben ein Verfallsdatum.
Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung, wann oder wie Gott uns die Kraft gibt, die wir brauchen. Aber er gibt sie. Das kann ich an Euch sehen, denn Ihr seid noch da. All das, was andere Menschen und wir selbst uns bewusst oder aus Versehen und meistens sogar in bester Absicht angetan haben, all das hat es nicht geschafft, uns auseinander zu treiben oder umzuwerfen. Das sollte Zeichen genug sein. Vielleicht habt Ihr Eure tägliche Kraftdosis schon am Morgen erhalten oder Ihr bekommt sie heute Abend, oder Eure Nachbarn haben sie angenommen und heben sie auf, um Sie Euch vorbeizubringen, wenn der Herbst zu finster wird und Ihr Euch nach etwas Licht im Leben sehnt.
In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Müsste. Richtig. Und es tut gut, sich daran zu erinnern. Im Grunde ist die Angst überwunden, selbst in den schlimmsten Zeiten unter den finstersten Mächten. Trotzdem haben die meisten von uns Ängste, obwohl wir selbst in Frieden leben, satt sind und tun und sagen können, was wir wollen, ohne dass eine Gestapo um die Ecke lauert. Wir müssten uns nicht fürchten. Das ist gut zu wissen, weil es uns hilft, eine Ahnung davon zu bekommen, wie angstfrei wir sind. Wie wenig wir die Angst haben müssen, die wir trotzdem immer wieder spüren. Diese Angst könnte also auch weg sein. Das ist sie nicht, aber sie ist nicht alternativlos. Das zu wissen, macht vieles leichter.
Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.
Ja! Das ist mein Lieblingssatz in diesem Bekenntnis und ich kann bis heute nicht gut finden, das ausgerecht dieser kluge Satz nicht im Gesangbuch steht. Der Teil von mir, der für Verschwörungsmythen anfällig ist, stellt sich dabei Folgendes vor: Vielleicht möchte jemand nicht, dass die Taten, zu denen wir uns gegenseitig ermuntern und erziehen, nur vermeintlich gut sein sollen. So verstanden fehlte da ausgerechnet eine wunderbar erfrischende Spitze gegen Selbstzufriedenheit und Vorschriftenmoral – zumindest heute. Unter den Nazis war der andere Teil, die Sache mit den Fehlern und Irrtümern, aber der richtig harte Brocken. Stellt Euch das mal vor: Der Gott, von dem hier die Rede ist, hat eine Antwort – nicht nur auf unsere Fehler, sondern sogar auf die Schandtaten Hitlers und die feige Eigensucht seiner Mitläufer. Dieser Gott hört nicht auf gut zu sein, selbst dann, wenn er zu solchen Menschen gerecht ist. Ich habe nicht die leiseste Idee, wie Gott das hinbekommt. Darum liebe ich diesen Satz so sehr: Weil er zeigt, wie weit Gottes Güte über uns hinausragt und wie wenig wir von unserem Gott wirklich verstehen. Selbst wenn wir alles auffahren, was unser Verstand noch fassen kann, wird da immer noch dieser unendliche Horizont von „Ich werde dich immer lieben“ sein. Selbst das mächtigste Werkzeug, das wir haben – unsere Phantasie – kann diesen Horizont nicht im Ansatz ausloten, geschweige denn erreichen. Wenn wir aber Mut fassen, und es trotzdem versuchen, wird all das, was für uns unsäglich, übermächtig und schrecklich erscheint, mit jedem Schritt kleiner werden und als winziger schwarzer Punkt hinter dieser Ewigkeit der Güte zurückbleiben – das ist meine Erfahrung und gleichzeitig meine feste Hoffnung.
Vor unserem allmächtigen grundgütigen Gott, der die reine Liebe ist, kann nichts bestehen. Nicht die Angst und nicht die Katastrophen, kein Leid, kein Hass, kein Tod, kein Elend. Und dennoch sieht er auch das Kleinste an. Nicht, weil es etwas wäre, sondern weil er es zu etwas macht. Weil geliebt zu werden, das einzige ist, was unserem Leben Substanz verleiht und jeder noch so kleinen Regung, die wir machen, Kraft und Würde gibt. Darum ist wichtig, was wir tun. Und kein Wort von dem, was wir bitten, wird jemals ungehört bleiben. Denn die Liebe selbst hört unsere Bitten und führt uns bei unseren Taten die Hand.
Bonhoeffer sagt das mit eleganteren Worten:
Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum (oder Schicksal) ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet – und: dass er antwortet.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
