Vater Unser
Eine Predigt über das beliebteste Gebet der Christenheit von Vera von der Osten Sacken.

Vater Unser, – das kennen wir vom Beten.
Ist das so? Ist Gott unser Vater? Und was ist mit den anderen Vätern, den leiblichen, den adoptierten und denen im Geiste? Vielleicht ist Gott auch einmal Mutter, auf jeden Fall ist Gott aber keine Konkurrenz. Mir fällt es leicht, Gott „Vater“ zu nennen, auch wenn ich meinen eigenen Vater sehr liebhabe. Er ist schon vor vielen Jahren verstorben, als ich 13 Jahre alt war. Aber ich denke immer noch viel an ihn. Wenn ich an Gott denke, dann glaube ich auch, dass mein Vater gut bei ihm aufgehoben ist. Und ich bin mir auch sicher, dass Gott dafür sorgt, dass meine Verbindung zu meinem Vater nicht abreißt.
der du bist im Himmel,
So weit weg. Hoch oben. Und andererseits: Ist der Himmel nicht deshalb blau, weil wir eine Atmosphäre um unseren schönen Planeten haben? Wenn das so ist, müsste der Himmel direkt über der Erde beginnen – schon wenige Mikrometer darüber, und er müsste überall dort sein, wo Luft zum Atmen ist. Dann atmen wir Gott also ein und aus, viele hundert Male am Tag, abermillionen Male in unserem Leben. Als Sauerstoff landet er in unserem Blut. Der Himmel ist in uns. Da ist auch Gott.
geheiligt werde dein Name,
Heiligen. Wie geht das denn? Ist Gottes Name nicht längst schon heilig? Ja, schon lange, sogar schon vor dem Beginn unserer Zeit. Ich glaube, dass dahinter steckt, dass wir die Heiligkeit von Gottes Namen annehmen sollen, also Teil haben sollen an seiner Heiligkeit. Anders kann es nicht gehen, denn Gottes Heiligkeit könnten wir ja nichts hinzufügen. Vielmehr kommt sie durch ihn auch zu uns. Jedes Mal, wenn wir an den Gott denken, den wir atmen und der in unserem Blut ist, strömt auch seine Heiligkeit durch uns und wird uns bewusst. Das könnte es bedeuten, Gottes Namen zu heiligen: Uns seine Heiligkeit bewusst zu machen und uns darüber zu freuen, dass er sie mit uns teilt.
dein Reich komme,
Auch das ist ja schon längst da – spätestens seit Christus es ganz menschlich verkörpert hat. Trotzdem wird jede Generation von uns ihren Teil dazutun und ein wenig daran weiterbauen. Um ein berühmtes Bild dafür zu bemühen: Das Senfkorn, das einer einpflanzt, wird der Baum, den ein anderer pflegt, und in dessen Schatten ein dritter den Vögeln lauschen kann, die oben in den Ästen nisten. Gottes Reich ist Liebe. Davon können wir gar nicht genug bekommen, egal wie viel wir schon haben. Darum soll immer mehr Liebe kommen: zu uns und von uns und in unsere Welt.
dein Wille geschehe,
Autsch! Das klingt nach Kontrollverlust. Meistens möchte ich lieber, dass mein eigener Wille geschieht, dafür habe ich ihn ja. Das ist das eine Problem. Es ist aber nur dann eins, wenn Gottes Wille und meiner grundverschieden sind. Das kann ich aber nur herausfinden, wenn ich auch das zweite Problem löse: Woher wissen wir, was Gottes Wille ist? Wissen wir nicht, zumindest nicht mit Gewissheit. Die Bibel, die Gebote, unser eigenes Gewissen und Taktgefühl, all das gibt uns Anhaltspunkte, aber letztlich wissen können wir es nicht. Da hilft nur eins: Immer wieder weiterfragen.
wie im Himmel, so auf Erden.
Gibt es da einen Unterschied? Für uns vielleicht nicht mehr so sehr, aber viele Jahrhunderte lang glaubten die Menschen, dass es einen eigenen himmlischen Hofstaat mit Heerscharen von Engeln und anderen Gehilfen Gottes gibt. Und sie wünschten sich, dass das, was im Himmel richtig ist, auch bei ihnen gelten soll. Heute könnte man vielleicht sagen: Bitte nicht nur in der Theorie und in Hoffnungen und Wünschen, sondern ganz konkret in unserem Leben.
Unser tägliches Brot gib uns heute,
Das ist wichtig, und es meint nicht nur das Brot, das wir essen. Alles, was uns nährt – körperlich, seelisch und geistig – kommt letztlich von Gott. Seine Liebe erschafft es und findet Wege, dass es zu uns kommen kann. Darauf sind wir angewiesen, und zwar jeden Tag, damit wir uns sicher fühlen können und nicht nur damit beschäftigt sind, täglich um unsere Existenz zu bangen. Wir selbst tragen natürlich auch viel dazu bei. Die Früchte unseres Lebens fallen meist nicht einfach vom Himmel. Und trotzdem: Vorbereiten und arbeiten können wir sehr viel, aber all die Dinge, die unser Leben letztlich gelingen lassen, kommen durch Gottes Gnade und sind Erscheinungsformen von seinem Segen.
und vergib uns unsere Schuld,
Das ist ein harter Brocken. Um meine Schuld Gott anzuvertrauen, muss ich sie mir ja erst einmal eingestehen. Und dann muss ich sie noch einmal (bildlich gesprochen) in die Hand nehmen, damit ich sie in seine Hand legen kann. Das tut weh und ist oft auch peinlich. Ich glaube, dass es allen Menschen so geht und dass wir deshalb so sehnlich auf Vergebung hoffen.
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Damit habe ich als junges Mädchen lange gerungen. Muss ich denn erst den anderen vergeben, damit Gott mir vergibt? Ich glaube nicht. Gottes Vergebung bekommen wir geschenkt. Heute denke ich, dass das „wie“ in diesem Satz nicht bedeutet: „wenn wir vergeben…“, sondern: „in der gleichen Weise, wie wir vergeben“. Das heißt so viel wie: Lieber allwissender Gott, der niemals auch nur das Kleinste vergisst, bitte mache meine Schuld nicht nur ungültig, sondern vergiss sie so, wie auch wir Dinge vergessen und vergeben. Mache es möglich, dass meine Schuld wirklich verschwinden kann – auch in deinem unendlichen Gedächtnis – so als wäre sie nie geschehen.
Und führe uns nicht in Versuchung,
Das finde ich doppelt gemein. Als der Teufel in der biblischen Geschichte Jesus in der Wüste begegnet und ihn dazu verleiten will, Gott auf die Probe zu stellen, sagt Christus: „Du sollst Gott nicht versuchen.“ Ich finde das unglaublich weise. Echtes Vertrauen braucht keine Tests oder Liebesbeweise. Warum sollte Gott also umgekehrt uns versuchen? Das wäre doch unnötig und grausam. Vielleicht steckt dahinter, dass Gott Versuchungen zum Bösen von uns abwenden soll. Oder dass er es mit uns nicht so machen soll wie in der Hiobgeschichte, wo er dem Satan erlaubt, einen Frommen auf Herz und Nieren zu prüfen, und der Satan dann lauter Leid über den Frommen bringt. Vielleicht heißt es aber auch: Bitte stehe uns bei, wenn wir in Versuchung geraten, Böses zu tun oder zu sagen oder Öl ins Feuer zu gießen, statt zu schlichten. Bitte lass uns nicht in unser Unglück laufen und verhindere auch, dass wir anderen zum Unglück werden.
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Hilf uns, die Dinge und Verhaltensweisen loszuwerden, die aus einem Unglück Leiden machen und daraus dann Feindschaft und immer mehr Leid. Gerade dann, wenn wir nicht mehr vergeben können, dann sende du uns deinen Geist und gib unserer Seele die Fähigkeit zum Wunderwirken ein. Schenke uns Großmut und innere Stärke und die begnadete Fähigkeit, von uns selbst abzusehen. Oder wenigstens das Vertrauen, dass du die Sache in die Hand nehmen wirst, und wir uns nicht darum kümmern müssen, ob oder wie anderen Menschen vergolten wird, was sie uns Böses getan haben.
Denn dein ist das Reich
Ich glaube, dass das die unbezwingbare zärtliche leise Macht der Liebe ist. Wie sollte es sonst als Begründung dafür taugen, dass wir die Schuld anderer vergeben und uns selbst ganz der Güte Gottes anvertrauen können?
und die Kraft
ich glaube, das ist die Energie, mit der Gott das ganze Universum am Laufen erhält. Persönlich spüren kannst Du diese Kraft z.B. als eine freundliche Hand, die dir den Rücken stärkt, aber auch als Wutausbruch zur rechten Zeit, der Klärung schafft und die Dinge endlich auf den Tisch bringt, oder als den Mut, mit dem Du selbstverständlich für deine Lieben und auch für andere Menschen einstehst, oder als die Stärke, mit der Du lästige Aufgaben und unangenehme Situationen durchhalten kannst. All das hat auch viel mit unseren eigenen Leistungen zu tun, auf die wir zu Recht stolz sein dürfen. Das widerspricht dem nicht, dass wir sie geschenkt bekommen. Die meisten Mütter sind ja auch stolz auf ihre Kinder, egal, ob die gerade etwas Tolles tun oder einfach nur sind. So geht es mir zumindest: Ich bin grundsätzlich und immer stolz auf mein Kind. Geschenke dürfen uns stolz machen, und wir dürfen und sollen so viel, wie wir können, dazu tun, damit unsere Geschenke wachsen und immer großartiger werden.
und die Herrlichkeit.
Die finde ich am schönsten, weil sie so faszinierend ist. Ich denke dabei an das, was die Gänsehaut verursacht, wenn wir uns für etwas begeistern können, und was jedes Lächeln so strahlen lässt, egal, in welchem Gesicht es entsteht.
In Ewigkeit
Schon immer, überall und für alle Zeit. Auch jetzt. Gerade jetzt. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.