Über Begegnungen und eine orangefarbene Rolltreppe
Predigt von Vera von der Osten Sacken über 1. Könige 19, 3-13: Elia am Horeb.
Zur Eröffnung der Ausstellung der Fotoausstellung „BEGEGNEN“ mit Fotografien von Christiane Hansel und Oliver Conzelmann.
Der Bibeltext:
Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte. Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast! Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort. Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Ginster und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter. Und er legte sich hin und schlief unter dem Ginster. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb. Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia? Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn die Israeliten haben deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen. Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia? Er sprach: Ich habe für den HERRN, den Gott Zebaoth, geeifert; denn die Israeliten haben deinen Bund verlassen, deine Altäre zerbrochen, deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir das Leben nehmen. Aber der HERR sprach zu ihm: Geh wieder deines Weges durch die Wüste nach Damaskus und geh hinein und salbe Hasaël zum König über Aram und Jehu, den Sohn Nimschis, zum König über Israel und Elisa, den Sohn Schafats, von Abel-Mehola zum Propheten an deiner statt. Und es soll geschehen: Wer dem Schwert Hasaëls entrinnt, den soll Jehu töten, und wer dem Schwert Jehus entrinnt, den soll Elisa töten. Und ich will übrig lassen siebentausend in Israel, alle Knie, die sich nicht gebeugt haben vor Baal, und jeden Mund, der ihn nicht geküsst hat.

Elia hat sich übelst in die Scheiße geritten. Damals galt das als Heldentum – zumindest im Nachhinein. Was hier so vornehm „Eifer für den Herrn, den Gott Zebaoth“ heißt, würden wir heute einen Religionskrieg nennen. Baal gegen Jahwe – beides starke, männlich gelesene Herren von himmlischen (und leider auch irdischen) Heerscharen, beide zuständig für vermeintlich alles und irgendwie Väter von allem und beide auf heute überhaupt nicht mehr verständliche Weise Dramaqueens in Sachen Alleinherrschaft. Aber Elia liebt seinen Gott. Er liebt ihn so sehr, dass er für ihn in den Krieg zieht, andere Leute überfällt und mit ihnen auf Leben und Tod kämpft – und die anderen machen es für ihren geliebten Gott ganz genauso. Jetzt können wir uns schaudernd abwenden, wie üblich feststellen, dass Krieg ganz schrecklich ist und uns darauf zurückziehen, dass das alles ja so lange her und längst überwunden ist. Wenn wir die Sache ernst nehmen wollen, kommen wir aus dieser Nummer aber nicht so leicht heraus. Krieg ist leider ganz aktuell und religiöse Eiferer sind wir in den letzten 2.500 Jahren auch nicht losgeworden. Wenn ich so weitermache, wird das eine Predigt über Krieg. Ich habe aber eine über Begegnungen versprochen.
Also zurück zum ersten Satz: Elia hat sich übelst in die Scheiße geritten. Das gibt er auch zu. Er sagt: „Ich bin nicht besser als meine Väter“ und will nur noch sterben. Ob er damit meint, dass Kämpfen der falsche Weg ist oder ob er trauert, weil alle seine Kampfgenossen getötet wurden und sein Religionskrieg verloren scheint, erfahren wir nicht. Es ist auch egal. Fakt ist: Elia ist am Ende.
Hier kommt die Rolltreppe ins Spiel: Sie ist ein Bild – und genau das ist auch ihre Rolle in dieser Predigt. Sie leuchtet hell und lebensfroh. Das verlockt meinen Pfarrerverstand, sie als die Maschine zu deuten, in der göttliche Personen im griechischen Theater auf die Bühne der Sterblichen gebracht wurden. Der Deus ex machina, der göttliche Retter schwebt im wallenden Gewand auf der Showtreppe ein und dann wird alles gut – so ungefähr.
Elia sitzt ganz unten in einem tiefen schwarzen Loch namens Verzweiflung und rührt sich nicht mehr. Der Engel steigt irgendwo oben in der himmlischen Glückseligkeit auf die göttliche Treppe, fährt herunter zu Elia und stört ihn dabei, in Selbstmitleid zu ertrinken. Für den Propheten kommt das unerwartet. Aus seiner Sicht ist das Treffen eine echte Begegnung: unverhofft in allen drei Hinsichten: Zeit, Ort und Person, mit keinem der drei Aspekte hat er gerechnet. Für den Engel ist das anders. Er unternimmt einen gut geplanten Besuch, päppelt den Propheten und gibt ihm neuen Mut, so dass der zum Berg Gottes gehen kann. Das war ein Ort, an dem man auf eine Begegnung mit Gott geradezu hoffte. Mose hatte am Horeb das Erlebnis mit dem brennenden Dornbusch und soll dort später ein Wasserwunder gesehen haben. Trotzdem wissen wir bis heute nicht genau, wo dieser Berg eigentlich liegt. Das Wort Horeb bedeutet: Wüste oder ödes Land. Vielleicht war das eine Kultstätte. Vielleicht ist Elia auch einfach nur in der Wüste herumgeirrt und hat schließlich in einer Höhle Schutz gefunden, aus der er dann hervortreten konnte, während Gott an ihm vorüberzog.
In unserem Rolltreppenbild ändert sich das Setting. Der Engel hat Elia auf die Rolltreppe gestellt und Gott zieht nun an ihm vorüber. Ich stelle mir beide auf je einer eigenen Rolltreppe vor. Sie fahren aufeinander zu, Gott nach unten und Elia nach oben. Vor der eigentlichen Begegnung kommen andere Sachen, die laut und gewaltig sind, aber nichts bedeuten. Dann sind sie plötzlich auf Augenhöhe und haben ein kurzes Gespräch, während die Bewegung der beiden Treppen weitergeht. Elia wird weitergetragen und Gott entschwindet. In dem kurzen Moment, als Gott an ihm vorüberzieht, bekommt Elia die rettenden Tipps.
Das klingt nicht wirklich nach Begegnung – eher nach einem Wort, dass Gott mal eben über die Schulter wirft, – aber mehr war nicht drin. Das hat einen einfachen Grund: Gottes Anblick galt als tödlich. Ihm ins Angesicht zu schauen, wäre keine gute Idee gewesen. Der männlich gelesene oberste himmlische Kriegsherr verbreitete Angst – auch unter seinen eigenen Leuten. Was er mit Elia tut, ist dagegen fast schon zärtlich. Nachdem der unvermeidliche Schreck der plötzlichen Begegnung und das Gepolter aus Sturm, Erdbeben und Feuer vorbei sind, kommt Gott selbst mit sanftem Säuseln und sagt Elia wie einem kleinen Kind ganz konkret, was er tun soll, damit es besser wird. Salbe den und jenen zu Herrschaftsträgern und dann wirst Du gewinnen. Als Religionskriege noch salonfähig waren, war das eine Rettungsgeschichte. Elia war an seinem eigenen Ehrgeiz gescheitert, fiel in völlige Verzweiflung und erlebte dann eine heilsame Verstörung durch den Engel und durch Gott. Er bekam neue Impulse und dann wendete sich das Blatt.
Begegnungen, die von Gott ausgehen, stelle ich mir immer so vor – nicht nur bei Elia. Sie sind eigentlich keine Begegnungen, bei denen beide Seiten einander wahrnehmen und hinterher verändert weitergehen. Was aus unserer Sicht Begegnung mit Gott ist, weil es uns überrascht und verändert, kann aus Sicht eines heute nicht mehr nur männlich gelesenen, aber immer noch allmächtig und allwissend verstandenen Gottes ja nichts Überraschendes mehr haben. Gott macht nach wie vor die ganze Strecke, kennt alle Details und weiß den Ausgang voraus. Da ist wieder die Rolltreppe. Sie führt automatisch zum Ziel. Menschen, Tiere oder Dinge müssen darauf nur platziert werden, egal, ob aus eigener Kraft oder weil jemand sie dorthin gestellt hat. Der ganze Rest geht automatisch.
Das Einzige, was dieses schöne Bild uns nicht abnehmen kann, ist das Platzieren auf der Rolltreppe. Dafür müssen wir runter vom Sofa. Wer nicht unterwegs ist, kann auch niemandem begegnen. Bei Elia war das sein kämpferischer Einsatz für seine Religion. Friedliche Menschen wie wir, haben Begegnungen eher auf Partys oder auf dem Weg zur Bushaltestelle. Und dann kommt der Schreck. Auch der gehört dazu. Begegnungen sind spontan. Sie überraschen uns und nötigen uns, eine Pause zu machen, stehen zu bleiben oder vom Buffet aufzuschauen. Wenn wir uns darauf einlassen, geben wir ein klein wenig Kontrolle ab und nehmen hin, dass es sich auswirken könnte, was der Andere während der Begegnung tut. Dadurch entsteht eine Kontaktfläche, etwas, das resoniert, etwas, das uns aufschreckt, vielleicht auch ärgert oder freut und durch das wir uns im Anderen ein Stück weit wiedererkennen.
Und wieder die Rolltreppe: Führt sie nun rauf oder runter? Kann ich aufsteigen und mich hochtragen lassen oder bringt sie etwas oder jemanden zu mir? Im Bild ist das genauso ungewiss, wie bei einer Begegnung auf der Straße. Je bedeutsamer die Begegnung ist, desto mehr kann sie heilsame Verstörung sein und neue Inspirationen liefern – oder etwas ganz Schlimmes bringen, so dass nach der Begegnung kein Stein mehr auf dem anderen bleibt.
Ich persönlich finde, dass die Treppe immer aufwärts fährt – bei jeder Begegnung, sogar bei den ganz unangenehmen. Damit meine ich, dass eine Begegnung die meisten Dinge und Verhältnisse besser macht, z.B. weil es nun mehr Klarheit gibt oder weil ich mir bewusst machen kann, dass der andere auch nur ein Mensch ist. Wenn ich einer Sache oder einem Lebewesen begegnen kann, bedeutet das ja, dass wir wenigstens die Kontaktfläche der Begegnung gemeinsam haben. Selbst, wenn sie noch so klein ist: In einer Begegnung gestalten wir unsere gemeinsame Wirklichkeit und bekommen die Gelegenheit, Dinge (und auch uns selbst) ganz anders – vielleicht sogar aus der Sicht des Anderen – zu sehen.
Philosophen und auch manche Psychologen nennen das das „Erstaunen über das Andersseins des Anderen und über das Andersseins von uns selbst“. Begegnungen nehmen uns aus dem gewohnten Trott und relativieren unsere Gewissheiten. Gleichzeitig halten sie uns einen Spiegel vor und lassen uns fühlen, was wir sonst kaum wahrnehmen, z.B. das innere Kind oder eine Sehnsucht, die wir bisher erfolgreich verdrängt haben. Nach einer wirklich guten Begegnung, einer rauschenden Liebesaffäre, hat jemand einmal gesagt:
„Ich erkenne mich selbst nicht wieder…. Ich bin auf einmal ganz anders…. Und gleichzeitig war ich noch nie so sehr ich selbst wie jetzt.“
Bei Begegnungen mit Gott ist das viel einfacher und gleichzeitig viel komplizierter:
Einfacher ist, dass wir die Zumutung der Gegenseitigkeit und der Augenhöre nicht ertragen müssen. Eine Begegnung mit Gott ist zunächst einmal full service: Gott wird uns finden, egal, in welchem Keller wir gerade sitzen. Gott wird zu dem werden, was wir brauchen, und sich ganz auf uns einlassen. Darauf hoffen wir, wenn wir Gott „gut“ nennen und ihm oder ihr Allmacht und Allwissenheit zuschreiben. Der komplizierte Teil hat damit zu tun, dass eine Begegnung uns immer verändert. Und Veränderungen sind anstrengend, auch und gerade dann, wenn sie zu einer Verbesserung führen. Bei Elia hat es nur zu einem Sieg im Krieg gereicht. Bei Jesaja ging immerhin schon der Friedefürst und zur Zeit Jesu waren es Feindesliebe und Selbstaufopferung. Und daran arbeiten wir uns heute noch ab.
Gebe Gott, dass wir mit jeder Begegnung mit Menschen, Tieren, Dingen oder Gott ein kleines Bisschen weiter in diese Richtung kommen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.